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DESIDERATA
Tobias Bachmann

 


Roman - zu vermitteln
Fantasy-Thriller

Kapitel Eins

1



Ersetze jedes Auto durch einen Baum, und die Menschheit würde am Grün ersticken! Dies dachte ich, als ich bei 30 Grad Celsius im Schatten, an einem Zebrastreifen ausharrend in der prallen Sonne stand, und darauf wartete, dass einer der unzähligen Autofahrer die Freundlichkeit besaß, mich über die Straße zu lassen. Es war Rushhour, morgens um halb acht – Hochsommer, Smogalarm. Die Fahrzeuge kamen nur langsam voran, jedoch nicht langsam genug, so dass man zwischen ihnen über die Straße gelangen konnte. Es war wohl das, was die Radiomoderatoren beim Verkehrsbericht als „schleppenden Verkehr“ bezeichneten. Die Luft war zum Ersticken. Es roch nach Benzin, Öl, und dem Staub der Straßen.
Ich blickte vom Ansatz des Zebrastreifens auf, zur gegenüberliegenden Straßenseite. Dort lag mein Ziel: Das Admiral Schneyder Verlagshaus. Ein pompöses Gebäude mit weit über dreißig Stockwerken. Die Sonne spiegelte sich an den großen Fenstern und der verchromten Fassade.
Der Eigentümer des Gebäudes, und zugleich Inhaber des Verlags, Herr Frank B. Schneyder war der Sohn des Verlagsgründers, der früher einmal Admiral bei der Marine gewesen war – daher der Name. Das die Öffentlichkeit über das ‚B’ schmunzelte, war ihm bewusst.
„Jeremiah“, hatte er zu mir gesagt, während ich den Autorenvertrag unterschrieb, nachdem wir uns beide aus unterschiedlichen Gründen alkoholisiert zu dem Termin verspätet hatten, „wenn Sie genauso gut trinken, wie sich Ihre Romane verkaufen, verrate ich Ihnen, warum man sagt, dass ich beschnitten wäre.“
„Herr Schneyder, ich ...“
„Nenn mich doch einfach Frank, ja?“
Ich wusste nicht, warum er betrunken war, ich hingegen war es, weil ich die Tatsache, mich mit meiner Unterschrift dem Admiral Schneyder Verlag für drei Bücher zu verpflichten, und dafür einen Vorschuss von dreihunderttausend Euro zu kassieren, nicht so leicht verkraften konnte. Es war mein Sprungbrett in die Bestsellerliga.
Nun stand ich auf der falschen Straßenseite, das Manuskript für das erste Buch unterm Arm, und niemand ließ mich über die Straße. Die Autos hupten, und gemeinsam mit dem weiteren Verkehrslärm, strapazierte an der Straßenecke weiter vorne, ein Mann mit einem Presslufthammer meine dünnen Nerven.
Neben mir tauchte ein Afroamerikaner auf, mit dicken Rastahaaren, die von einem gewaltigen Kopfhörer hinter die Ohren geschoben wurden, so dass der Mann keinen Haarreif benötigte, was ja auch lächerlich ausgesehen hätte. Er grinste mich an und spazierte einfach über die Straße, als würden die Kraftfahrzeuge nicht existieren. Aber in Wirklichkeit stiegen die Fahrer auf die Bremse und kamen mit lautem Quietschen gerade noch rechtzeitig vor dem Rastafari zum Stehen.
Ärgerliches Hupen ertönte, als ich meine Chance nutzte, um mich noch schnell durch die soeben entstandene, schmale Verkehrslücke zu schlängeln. Etwas weiter hinten schepperte es. Ein Auffahrunfall. Weiteres Hupen.
Ich folgte dem bunt gekleideten Riesenkopfhörer, der mir auch die Gegenfahrbahn auf die altbewehrte Weise frei machte. Auf der anderen Straßenseite angekommen, drehte er sich noch einmal zu mir um, und grinste erneut, so als wolle er sagen: „Siehst du, wie das geht? Das nächste Mal machst du es genauso wie ich.“ Danach drehte er sich um, und verschwand um die Straßenecke. Hinter mir setzte sich der Verkehr langsam wieder in Bewegung. Ein paar Schritte nach links, und ich hatte auch schon die gläserne Eingangstür des Admiral Schneyder Verlagshauses erreicht.
Erhobenen Kopfes betrat ich das Gebäude. Die Eingangshalle war mit dunkelbraunem Teppich ausgelegt. Ein roter Läufer führte von der Eingangstür zu einem Tresen, hinter dem sich eine Empfangsdame befand. Der Tresen war eine leicht gebogene Mahagoniholzplatte, die von einem marmornen Sockel, der das Verlagsemblem zur Schau stellte, getragen wurde.
Ich ging auf die Empfangsdame zu, nannte meinen Namen, und sagte, dass ich einen Termin mit Herrn Frank Schneyder hatte. Das ‚B’ ließ ich aus Gewissensgründen weg.
„Einen Moment, bitte“, sagte die Frau. Sie war jung, dreiundzwanzig etwa, hatte blondes, straff zurückgebundenes Haar, trug eine Brille mit dunklem Rand und hatte hellblau lackierte Fingernägel, die farblich zu ihrer Bluse passten. Auf ihrem Schildchen stand: „A. Bemann – Empfang“. Ein solches Schild wurde mir nun auch gegeben. Sie hatte meine, bereits im Computer gespeicherten Daten dazu verwendet, auf die schnelle eine solche Erkennungsmarke zu erstellen. Mit ihren überlangen, hellblauen Fingernägeln hatte Fräulein Bemann den Stift gehalten, und mein Schild beschrieben: „J. Morat – Autor“.
„Tragen Sie das Schildchen stets gut sichtbar an der Brusttasche Ihres Jacketts“, sagte sie „und geben Sie es beim Verlassen des Gebäudes wieder bei mir ...“, blickte zu mir auf und stoppte. Dann: „Oh.“ Schließlich stellte sie fest: „Sie tragen kein Jackett, wie?“
„Ich besitze gar keines“, erwiderte ich und blickte sie dabei diabolisch an.
„Oh.“
„Aber wenn es gestattet ist, stecke ich es hier am Gürtel an. Ist das in Ordnung?“ Ich trug eine abgeschnittene Jeans, deren Beine oberhalb meiner Knie aufhörten, Sandalen, und ein T-Shirt auf dem stand: „It’s cool man.“ Darunter war ein schwitzender Kopf abgebildet, mit Stoppelhaar und Zigarette im Mundwinkel, der aus einem dampfenden Kessel herausschaute, unter dem ein Feuer brutzelte.
„Selbstverständlich, Herr Morat“, sagte sie, und lächelte mich an. „Fahren Sie mit dem Aufzug, bitte. Dreiunddreißigstes Stockwerk, und dann links, die Tür am Ende des Ganges.“
„Es heißt ‚am Ende des Gangs’“, korrigierte ich sie. „Der Ganges ist ein Fluss, und der liegt in Indien.“
Mit diesen Worten ließ ich sie mit heruntergeklapptem Unterkiefer am Tresen stehen, und folgte den roten Teppichen, die wie Gehwege ausgelegt waren, und mich zum Aufzug führten. Ich drückte auf den Knopf neben der Tür und trat einen Schritt zurück, um die Stockwerkanzeige über der Tür zu betrachten. Es war eine Nachbildung der alten, uhrähnlichen Anzeigetafeln, wie man sie häufig in alten schwarz/weiß Filmen sehen konnte. Diese hier war der Anzahl der Stockwerke entsprechend groß, von innen beleuchtet und mit einem Lautsprecher ausgestattet, der stetig leise Kaufhausmusik von sich gab.
Aus dem Aufzugschacht ertönte ein knarrendes Geräusch. Dann glitt die Lifttür zur Seite und ich trat ein. Die Kaufhausmusik war hier etwas lauter, und auch der Aufzugboden war mit Teppich ausgelegt. Der Teppich bewirkte unter anderem, dass das gesamte Haus leicht gedämmt war, man keine lauten Tritte vernehmen konnte, und auch von den Wänden hallten keine Geräusche, denn sie waren über und über mit sämtlichen Büchern bestückt, die der Verlag jemals publiziert hatte – was eine Menge war. Buch an Buch reihte sich hinter dickem Sicherheitsglas. Die erdrückende Last der meterhohen Wandregale, die nur an manchen Stellen von Pflanzen, Bildern an der Wand, und sogar kleinen Sitzgrüppchen – zwei oder drei Stühle mit Beistelltisch – unterbrochen wurde, entzog sich mir nun, durch die sich vor mir schließende Aufzugtür.
Nach wie vor hatte ich mein Romanmanuskript eng zwischen meinem linken Arm und meiner Brust eingeklemmt. Die Wand des Schmerzes lautete der Titel, ein historischer Kriminalroman mit phantastischen Einflüssen. Es ging um einen drogenabhängigen Privatdetektiv, der an Gott glaubte und an das Böse im Menschen. Sein aktueller Auftrag führte ihn bei der Recherche in das Berlin der zwanziger Jahre. Dort hatte es einmal einen Mord gegeben, der dem, den er aufzuklären hatte, hundertprozentig gleich war. Macht und Intrigen der Vergangenheit, zeigen ihre verschwörerischen Auswirkungen in der Gegenwart, und nur die Zukunft würde erklären können, was in den Zwanzigern geschehen war.
Ob dies für den Klappentext ausreichen würde, wusste ich nicht. Für so etwas waren Schneyders Marktforscher zuständig. Ein Fall für eine spezielle Werbeabteilung des Verlags, die dafür sorgen musste, dass die Bücher an den Leser kamen. Keine einfache Aufgabe im Zeitalter der Kommunikation und der Massenmedien. Autoren wie ich, sorgten sich um das E-book. Fernsehen und Onlineshows waren auf dem Vormarsch, Handys klingelten mit schrillen Melodien sogar auf öffentlichen Toiletten, und wer heutzutage noch nicht wapfähig war, der hatte den Trend verpennt. Ich für meinen Teil, besaß noch nicht einmal einen Computer.
Als Krimiautor braucht man keine Moderne. Ich schreibe zu Hause, in meinem Arbeitszimmer.
Ich schreibe mit der Hand – für jedes neue Buch kaufe ich mir extra ein neues Notizbuch von MOLESKINE. Manchmal benötige ich für umfangreiche Romane auch zwei oder drei der berühmten Notizbücher, die wie die blauen OCB-Papers von einem Gummi verschlossen werden. Auf der Innenseite des Buchrückens befand sich die für MOLESKINE so berühmte Tasche, in der man lose Notizen, oder Zeitungsausschnitte aufbewahren konnte.
Ich liebe diese Bücher. Auch diesen Bericht schreibe ich in ein solches, um ihn dann später abzutippen. Dies wiederum, geschieht auf einer alten, schwarzen Reiseschreibmaschine von Olymp. Ich erstand sie eines Tages für nur fünfzig D-Mark (damals gab es den Teuro noch nicht) auf dem Flohmarkt. Das erste Manuskript, das ich auf ihr schrieb, wurde veröffentlicht, nach etlichen vorherigen Fehlschlägen, einen Verlag zu finden. Seitdem hüte ich diese Schreibmaschine wie einen Schatz. Zwischenzeitlich wurde ich renommierter Krimiautor, nach diversen Taschenbucherfolgen, einen neuen Vertrag bei Admiral Schneyder in der Tasche, und lieferte hierfür mein erstes Manuskript ab.
Ich war nervös. Wieder hörte man das Knarren des Aufzugs, und das Gefährt kam zum Stillstand. Die Türen öffneten sich, und abermals führte ein Gehweg aus rotem Teppich auf einen Gang, der mich nach rechts in einen Konferenzsaal führen würde, geradeaus, zu einer Flügeltür, bei der ich nicht wusste, was sich dahinter verbarg, und eine Tür zur Linken, zu der ich gehen musste, wenn ich Schneyders Büro betreten wollte.
Zur Vertragsunterzeichnung hatten wir uns in einem Hotel an der Bar getroffen. Alles war unbefangen, und durch den Alkohol lustig gewesen. Als sich die Türe zum Vorzimmer seines Büros elektrisch öffnete, empfing mich jedoch ein kühler, distanzierter Eindruck. Hellblau und chromfarben waren die dominierenden Farben des Vorzimmers, in dem Schneyders Privatsekretärin mich empfing.
„Schönen guten Morgen, Herr Morat. Herr Schneyder freut sich bereits auf Ihren Besuch, bittet Sie jedoch noch etwas zu warten, da er unerwartet ein wichtiges Telephonat erhalten hat.“
„Das ist schon in Ordnung“, winkte ich ab, und wandte mich von der Frau ab, auf deren Erkennungsmarke „A.M. Friedrichs – Chefsekretärin“ stand. Ich setzte mich auf einen Stuhl mit elastischer, hellblauer Lederlehne, und verchromten Stuhlbeinen. Die Wand des Schmerzes legte ich auf meinen Schoß.
Zwei Bilder von Carl Spitzweg hingen an der gegenüberliegenden Wand: „Der arme Poet“ und „Der Bücherwurm“. Die Rahmen waren modern, chromfarben. Hinter mir befand sich die Fensterfront, die vom Boden bis zur Decke langte, und von der aus man dreiunddreißig Stockwerke tiefer die immer noch stark frequentierte Straße mit der Baustelle sehen konnte.
Fräulein Friedrichs tippte irgendetwas in den Computer ein, und legte diverse Formulare zurecht. Das Telephon klingelte und sie meldete sich mit „Admiral Schneyder Verlagshaus, Chefsekretärin Friedrichs am Apparat – was kann ich für Sie tun?“ Ihre Stimme näselte etwas. Ich schätzte sie auf etwas unter dreißig. Wie die Empfangsdame im Erdgeschoss, trug sie ihr ebenfalls blondes Haar streng zurückgekämmt, nach hinten gebunden zu einem Dutt. Eine Strähne hing ihr über die Augen ins Gesicht. Beim Telefonieren drehte sie unablässig einen Stift in die Locke.
„Nein, da müssen Sie das kommende Quartal abwarten, Herr Behrens ...“, sagte sie in den Hörer. „... Es tut mir leid, Herr Behrens, aber das wurde vertraglich mit Ihnen so vereinbart, und Sie sollten eigentlich darüber informiert sein, dass ...“
Sie ließ den Stift fallen, und strich die Strähne hinter ihr Ohr. Dann schlug sie mit der flachen Hand auf die Tischfläche, und sagte mit fester Stimme etwas lauter in den Hörer: „Sie können den Admiral Schneyder Verlag nicht dafür verantwortlich machen, dass Sie ihren Vorschuss in wilde Partys investiert haben, Herr Behrens. Wenn Sie mit Geld nicht verantwortungsvoll umzugehen wissen, tut es mir leid, aber Sie müssen noch bis zur zweiten Quartalsabrechnung Ende Juli warten, bis Sie ihren Anteil der Tantiemen überwiesen bekommen. Üben Sie sich also bitte in Geduld, und belästigen Sie das Admiral Schneyder Verlagshaus nicht länger mit diesem Anliegen. Einen schönen guten Tag!“
Mit Wucht knallte sie den Hörer auf die Gabel. Errötend blickte sie mich an. „Tut mir leid, Herr Morat, aber manche unserer Autoren bilden sich ein, einen Sonderstatus zu besitzen, sehen sich als Künstler, als Intellektuelle und meinen sich deshalb aufführen zu können, wie Kinski in seinen besten Zeiten. Sind alle Autoren so?“
„Ich denke es hat weniger mit dem Berufsbild des Autors zu tun. Wenn dann liegt es daran, dass Autoren auch nur Menschen sind. Menschen, die ihre Steuern zahlen, Menschen, die eifrig in die Künstlersozialkasse einzahlen, Menschen, deren einzige Sicherheit sie haben, die ist, dass das einzige, was man ihnen nicht pfänden kann, ihre Schreibutensilien sind, sofern sie nachweisen können, dass diese zum Broterwerb notwendig sind.“
„Aber Sie führen sich doch auch nicht so auf, und brüllen mich übers Telefon an.“
„Ja“, ich schmunzelte, „aber ich kann ja auch mit Geld umgehen.“
Das traf es jedoch nicht wirklich. Tatsache war, das auch ich meinen Beruf als Lehrer – den ich zur finanziellen Sicherheit nebenher ausgeübt hatte – erst letzten Monat aufgegeben hatte, was ich mir nur erlauben konnte, da ich wahnsinniges Glück gehabt hatte, und den Vertrag bei Schneyder angeboten bekommen hatte. Vorher war das Bild des „armen Poeten“ gar nicht mal so verkehrt gewesen.
Nichtsdestotrotz trank ich – mein Klischee als Autor erfüllend – genug, um mich tatsächlich manchmal in Geldnöten zu befinden. Andere Ausgaben, die mich zuweilen an den Rand des Ruins führten, waren Reisekosten – ich recherchiere gerne vor Ort, und verbinde das meist mit Lesetouren –, sowie Bücher. Ich habe diese teure Angewohnheit, jedes Buch, das ich gelesen habe, auch besitzen zu wollen. Meine Wohnung quillt über vor Büchern. An gewissen Stellen äußerte mein Vermieter bereits Bedenken, ob die Statik des Hauses nicht durch meine Sammelleidenschaft beeinträchtigt werden würde. Ein papierüberladener Schreibtisch, die alte Reiseschreibmaschine, Rotweinflaschen, Aschenbecher und Bücher. Mehr besaß ich nicht. Der Kühlschrank war fast immer leer, ich aß zum Großteil auswärts, so dass auch das Dreckgeschirr, das sich in meiner Kochnische stapelte, weitgehend auf Tassen und Gläser beschränkt war. Mehr brauchte ich nicht zum Leben. Ich war glücklich so. Ich erfüllte ausnahmslos althergebrachte Klischees.
Ein Summlaut ertönte, gefolgt von Frank B. Schneyders Stimme: „Friedrichs! Bitte lassen Sie Morat in mein Büro eintreten.“
„Sofort, Herr Schneyder“, sagte sie, während sie einen Knopf auf der Gegensprechanlage gedrückt hielt.
Beide erhoben wir uns, und ich folgte Friedrichs, die mir die Tür öffnete. Mit leisem Klicken schloss sie sich hinter mir.
Ich fand mich in einem riesigen Büro wieder. Im Gegensatz zum modern eingerichteten Vorzimmer, war Schneyders Büro antik und rustikal eingerichtet, was in krassem Wiederspruch zu der modernen Architektur des Gebäudes stand, und der gewaltigen Fensterfront, die über Eck, zwei Wände vollkommen einnahm. Grelles Sonnenlicht durchflutete den Raum, so dass auch die Teakholzwände gegenüber den Fenstern, die Bücherregale, und alte Bilder in antiken Goldrahmen, hell von Licht beschienen wurden.
Schneyder wartete in einem ledernen Chefsessel hinter einem Schreibtisch, der dem Besucher Ehrfurcht einhauchen konnte. Der riesige Bildschirm eines iMacs stand auf dem Tisch, eine Maus und Tastatur, zwei Telefonapparate (eines war rot!), ein Bild von Schneyders Familie, und ein einsames Blatt, auf dem ein gespitzter Bleistift lag.
„Jeremiah!“, begrüßte mich Schneyder, der unser gemeinsames Sufferlebnis, bei dem er mir das Du angeboten hatte, wohl nicht vergessen hatte. Er stand auf, und kam hinter seinem Schreibtisch hervor, breitete die Arme aus, und umarmte mich übertrieben herzlich. „Setz dich, mein Freund“, sagte er dann, und wies mir einen Platz in der hinteren Ecke des Büros zu, in der ein Ecksofa und ein gläserner Tisch standen, auf dem sich eine dampfende Kanne Tee, im passenden Design zum restlichen chinesischen Teeservice befand, sowie eine Schale mit Keksen und eine braune Akte, die meinen Namen trug.
Wir setzten uns, Schneyder schenkte mir Tee ein, und er erzählte mir etwas über einen neuen, großartigen Vertrag mit einem Internetbuchhandel, und darüber, dass der Schneyder Verlag ein neues Jugendbuch im Petto habe, mit dem man endgültig „den verfluchten Harry Potter“ vom Thron der Bestsellerlisten vertreiben könnte. Danach fragte er mich über meine laufenden Projekte aus, und ich gab bereitwillig ausweichende Antworten, da es keine solchen gab. Schließlich lenkte er das Gespräch auf das fertige Manuskript, dessen Überarbeitung ich letzte Nacht zufriedenstellend abschließen konnte.
„Die Wand des Schmerzes wird ein Bestseller werden“, sagte der Verleger, nachdem er mein Manuskript überflogen hatte, und nur manche Stellen genauer durchlas. „Die ersten drei Seiten entscheiden, ob ein Leser weiterliest. Drei Seiten, wahllos in der Mitte aufgeschlagen, geben darüber Auskunft, ob ein Buch spannend ist, und die letzten drei Seiten entscheiden darüber, ob es sich gut verkaufen wird.“
Er sah mir in die Augen. „Die letzten Seiten von Wand des Schmerzes sind hervorragend.“
„Es freut mich, dass es Ihnen gefällt“, sagte ich, und trank meine Tasse Tee leer.
Schneyder erwiderte nur: „Erzähl mir von deinem nächsten Buch.“

Szenentrenner



Auszug aus meinem Tagebuch:
Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Seit Wochen schon bin ich unmotiviert, unkonzentriert, schweife ständig mit meinen Gedanken ab, oder mir fehlt die nötige Inspiration. Vorliegender Text wird lediglich geschrieben, damit geschrieben wird. Meine Stimmung ist gedämpft, so wird vermutlich eine Aneinanderreihung von Erinnerungsfetzen, Sakralen von Gefühlen, und Skurrilitäten des Alltags in diesen Zeilen zu finden sein. Und schon jetzt, während dieser einleitenden Worte fühle ich, wie die Lust, weiterzuschreiben schwindet. Die Lust generell verringert sich. Ich ficke kaum noch, bin träge, unmotiviert. Vielleicht ist es auch einfach nur eine Folge des eingebildeten Stresses, sofern man sich Stress überhaupt einbilden kann. Vielleicht existiert er ja wirklich, zwängt sich einem auf, bis man daran erstickt, nicht mehr kann, die Energie weg ist. Hinzu kommt, dass mir ständig seltsame Sachen passieren, ich mich in Situationen wiederfinde, welche mich an Träume erinnern. Die Form und Beschaffenheit der Traumwelten, die konturlose Masse phantasievoller Aufarbeitung des Alltags, und nicht deutbarer Vorhersagungen der undeutlichen Zukunft.
Wessen Stärke brauche ich, um mein Leben zu bestehen? Todesängste verfolgen mich, insbesondere seit gestern, als mich eine Nutte besuchte, und davor schon in abgeschwächter Form, nach einem Arztbesuch. Aber selbst davor war sie allgegenwärtig.
Ich laufe durch finstere Straßen, es regnet, trübe und milchig ist die frische, kalte Luft. Vermummt sind meine Gedanken. Schwerelos gleite ich dahin, erledige meine Aufgaben mit Widerwillen und lässiger Langsamkeit. Bücher liegen auf dem Tisch, inmitten des Chaos, das mich umgibt. Ich lese sie, vergesse sie, lese andere, um auch diese bald darauf zu vergessen. Danach stehen sie nutzlos rum, verstauben stumm in den Regalen. Ein Statussymbol? höre ich kritische Stimmen in meinem Kopf mich fragen. Ja, das heißt ... eigentlich rede ich mir ein, dass sie wichtig für mich seien. Andererseits hänge ich doch sehr an ihnen. Bücher sind Phantasie – halten einen fern von der grausamen Realität. Musik schirmt einen ebenso ab. Mit Kopfhörern im Ohr, kann man sich dem Realen ein Stück weit entrücken.
Verbale Aussetzer durchzucken mein Gehirn. Was immer das bedeuten mag, manchmal ist der Wahn ganz nahe. Ich nenne das den halluzinatorischen Terror. Trostlose Spinnennester, akribischer Zahlensysteme, binärer Art – um es hier einmal auf den Punkt zu bringen.

Szenentrenner



Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wovon mein neues Buch handeln sollte. Ich hatte noch nicht einmal eine Idee.
Zwar besaß ich ein kleines Notizbuch, in das ich all meine Ideen festhalte, doch sie waren nicht das, was ich wollte, waren stellenweise noch zu unreif, ich wollte sie noch nicht zu einem Buch verarbeiten.
„Nun? Wer ist der Protagonist? Ein Kommissar?“ Es war klar, das Schneyder auf eine Antwort bestehen würde. Ich musste mir also etwas einfallen lassen. Also sagte ich schnell – um zumindest die Frage des Protagonisten zu erklären: „Der Protagonist ist ein Ich-Erzähler. Er hat noch keinen Namen.“
„Ah, also wird es was Realistisches – mit eingefügten Tagebuchaufzeichnungen und so?“, wollte er nun wissen.
„Ja, ja. Ganz recht“, bestätigte ich seine Spekulation, die zugleich auch meine war.
„Und worum geht es nun?“
Mein Blick ging durchs Zimmer, hin und her, suchte etwas – eine Idee, nur eine kleine Idee – und blieb an einer Vase haften – Vase, Porzellan, Blumen, Wiese, Hase ... nein, zu romantisch –, strebte weiter voran, entdeckte den Bleistift auf dem Schreibtisch – Bleistift, Spitzer, Holz, Blei, Striche, Zeichnung, Zeichner, Künstler ... wir kamen dem Ganzen schon näher – und entdeckte endlich meine Rettung, in Form eines Bücherregals:
„Ein Buch!“, stieß es aus meinem Inneren hervor. „Es geht um ein altes Buch, das das Leben des Ich-Erzählers – ein Künstler _ verändern wird.“
Das war sie also – die Handlung meines neuen Buchs. Nun galt es, Schneyders Reaktion abzuwarten. Dieser sah zur Decke hinauf, kratzte sich am Kinn und sagte: „Ein Buch also, hmhm. Sehr interessant. Lass den Protagonisten ein Schriftsteller sein. Ja? Tu mir den Gefallen.“
Wie Sie sehen, tat ich es.

Szenentrenner

 

2



Die Straße war gepflastert, und stieg steil an. Links flankierten kleinere Läden mit grün und blau angestrichenen Holzfassaden den Gehweg. Alte, bemalte Schilder baumelten quietschend im lauen Wind: Antiquitäten & Co., Müllers Krämerladen, Der Holzbub – Holzspielzeug und mehr, Café Orient (ein Kräuterladen), Zur Nachtnische, Anti-Antiquariat, Heller – der Künstlerbedarfshop, daneben ein Atelier und weitere Läden. Auf der gegenüberliegenden Seite reihten sich hingegen die Kneipen aneinander. Vom Irish-Pub, bis hin zur rauen Seemannspelunke gab es hier für jeden etwas. Insgesamt erinnerte die Straße etwas an Dublins Temple Bar. Die Alte Gasse war eine Straße für Individualisten. Oben, am Ende der Straße mündete sie in den Alten Platz, an dem es noch mehr dieser Läden und Kneipen gab. Für Schriftsteller auf Inspirationssuche war es der perfekte Ort, um Ideen zu sammeln.
Die auf der Straße flanierenden Personen eigneten sich gut für Charakterstudien, da hier die Künstler und Schauspieler, die Musiker und Bildhauer, die Reisenden und die Beheimateten, die Teueren und die Armen gleichermaßen verkehrten.
Ebenso waren die Läden sehr beschaulich. Sie boten eine Vielfalt, wie es kein Großkaufhaus zustande bekäme. Sicherlich war alles etwas teurer, aber dafür war es meistens handgemacht – mit Ausnahme der Bücher im Anti-Antiquariat, das ausschließlich antiquarische Bücher verkaufte, und wo ich schon so einige Schnäppchen erstanden hatte.
Schließlich konnte man noch in den vielen Kneipen seinen Durst löschen, dort ebenfalls wieder Charakterstudien betreiben, und trunkene Gespräche mit jeder Gesellschaftsschicht führen.
Ich hatte immer noch keinen Einfall, weswegen ich das Anti-Antiquariat betrat, den Verkäufer – ein gerissener, alter Kerl mit dicken Falten und einem Nickel, anstatt einer Brille auf der Nase – grüßte, und ziellos durch die Regale steuerte. Sie waren vollgestopft mit alten Romanen und noch älteren Sachbüchern.
Um ein altes Buch sollte es gehen. Was für ein Buch? Ein Kochbuch? Ein Taschenbuch? Ein Zauberbuch? Ich wusste es nicht. Alles schien mir so banal. „Es müsste ein Buch geben“, sagte ich laut zu mir selbst, „das einen nicht loslässt, bis man es verstanden hat, ein Buch, das einem das offenbart, was man sucht.“
„Ein solches Buch habe ich, Herr Morat.“, sagte der Verkäufer, der von hinten an mich herangetreten war, um meinen Selbstgesprächen zu lauschen. Ich war ihm deswegen aber nicht böse.
„Was für ein Buch soll das sein?“, fragte ich stattdessen.
„Ich weiß leider nicht, wie es heißt“, sagte er.
„Wie? Sie wissen doch sonst über jedes Buch Bescheid, als hätten Sie alle Bücher, die Sie verkaufen auch selbst gelesen.“ Ich wusste nicht, warum ich auf einmal so grob wurde. Ich war es einfach.
„Nun“, fuhr er fort, „es liegt nicht daran. Es ist nur so, dass ... ach, warten Sie. Ich bringe es Ihnen, dann sehen Sie ja selbst.“
Der Verkäufer verschwand hinter einem Vorhang, der einen weiteren Raum, hinter dem mit Büchern beladenen Tisch mit der Kasse, vom Verkaufsraum abtrennte. Von dort hörte ich nun lautes Poltern, verärgertes Fluchen, weiteren Lärm, und schließlich ein triumphierendes: „Ah, da ist es ja.“ Dann wallte der Vorhang, flog wie von selbst beiseite, und der Verkäufer stand wieder vor mir.
„Hier, das ist es.“ Er hielt mir ein offensichtlich sehr altes, in schweres Leder gebundenes, muffiges Buch entgegen. Diverse Wasserflecken hatten den Ledereinband an manchen Stellen aufquellen lassen. In das Leder war der Titel des Werkes eingestanzt. Leider war es an eben dieser Stelle nicht nur aufgequollen, sondern auch noch stark porös, so dass man die Beschriftung nicht entziffern konnte.
„Okay“, sagte ich, „nun weiß ich, warum Sie nicht wissen, wie das Buch heißt. Aber ist der Titel nicht im Inneren abgedruckt?“
„Schlagen Sie es auf“, riet mir der Verkäufer.
Das Papier war stark vergilbt und fühlte sich schwammig an. Auf der ersten Seite starrte mich ein Symbol an, dessen Sinn ich nicht zu deuten vermochte.
„Wissen Sie, was das bedeutet?“, wollte ich wissen, und zeigte mit einem Finger auf das Symbol.
„Ich habe nicht die geringste Ahnung“, gestand mir der Verkäufer. „Ich brüte schon seit Wochen über diesem Werk, es nervt mich mehr, als dass es mir von Nutzen ist, und möchte mich eigentlich schnellstmöglich von ihm trennen. Nennen Sie mir Ihren Preis.“
Ich blätterte weiter. Auf der zweiten Seite stand eine Buchstabenfolge, vielleicht eine Art Archivcode.
„Wie spricht man das aus: Myth’Re?“
„Ich kann es Ihnen nicht sagen. Jeder findet seine eigene Aussprache.“
„Und woher wissen Sie das, wenn Sie doch nichts wissen, wie Sie sagen?“
„Das habe ich mir so zusammengereimt“, gestand er.
Wieder blätterte ich um, diesmal gleich mehrere Seiten auf einmal. Bilder und Text wechselten sich miteinander ab. Auf den ersten Blick sah es so aus, wie ein altes, handschriftliches Gebetsbuch.
Ich ließ es mit einer Hand laut zuschnappen – groß war es nicht – und sagte: „Was haben Sie sich sonst noch so zusammenreimen können?“

 
 

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